Meine Klasse war damals in der siebten. Wir sprachen im Deutschunterricht über Handynutzung – und dann sagte Giuliana einen Satz, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde: „Mein Leben wäre leichter, wenn ich kein Handy hätte.“
Wie ehrlich. Wie klar.
Ich schaute in die Runde. Niemand wirkte überrascht – außer mir. Ich fragte, wer zustimmen würde. Von 28 Schülerinnen und Schülern meldeten sich 25.
Seit diesem Schuljahr gilt an unserer Schule eine neue Regel: Fünftklässler geben ihr Handy morgens ab – und bekommen es erst am Nachmittag zurück. Eine kleine Veränderung mit großer Wirkung. Vor diesem Schuljahr durften die Schülerinnen und Schüler ihre Handys in den Pausen noch benutzen.
Ich erinnere mich an eine Pause, in der ich an einer Gruppe Jungen vorbeikam – alle auf zwei Holzbalken auf dem Schulhof. Ich hatte Aufsicht und näherte mich. Und hörte: nichts. Kein Lachen, kein Streiten, keinen Fußball. Fünfzehn Minuten lang saßen sie da, schweigend, Blick gesenkt, jeder in seinem Display versunken.
Die Mädchen hatten ihren eigenen Ort. Eine Mauer an einer kleinen Böschung zwischen unserem B- und dem C-Gebäude war gleich nach den Sommerferien zu ihrem festen Platz geworden. Beine baumelnd, halb auf Stein, halb auf Gras – und jedes Mädchen mit dem Handy in der Hand. Schönes Wetter, viel Sonne, blauer Himmel. Jede Pause. Jede Pause. Jede Pause. Selbst wer mal etwas anderes hätte tun wollen – es war ja niemand da. Alle saßen auf der Mauer, Handy in der Hand. Und wer allein spielen wollte, griff schnell doch wieder zum Handy.
Dann kam der Herbst. Eine Woche Nieselregen, die Böschung aufgeweicht, die Mauer feucht. Ich lief wie jeden Tag meinen Weg zwischen den Gebäuden – und sah es: Die Mädchen saßen auf der Mauer. Jacken an, einige mit Kapuze, alle den Blick ins Handy, der Regen von oben, der Matsch von unten. Pfütze, Mädchen, Pfütze, Mädchen, Pfütze.
Was sollten sie auch sonst tun? Wenn Pause ist, sitzt man dort. Das war die Regel – ihre eigene.
Eine Frage, die ich manchmal in fünften oder sechsten Klassen stelle: Wer hat schon mal fast geweint – oder wirklich geweint –, weil Mama oder Papa das Handy nicht aus der Hand gelegt haben? Weil man sich gewünscht hat: Leg das Ding endlich weg. Kümmere dich um mich.
Alle Hände gehen hoch. Fast alle. Immer.
